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The Hand Of Doom

Rock 'n' Roll im Hinterland

Heute widmen wir uns Leben und Werk der Bad Hersfelder Heavy-Rock'n'Roll-Legende The Hand Of Doom. Gegründet in den Siebzigerjahren fanden sich vier, zeitweilig sogar fünf junge Herrschaften zusammen, die sich gemeinsam auf einen Trip gen Hölle begaben, um angestautem Frust und Zorn, die das langweilige Kleinstadtleben im Zonenrandgebiet mit sich brachte, Ausdruck zu verleihen. Von der damaligen freigeistigen Atmosphäre der experimentierfreudigen Anfangsphase der örtlichen Modellschule angestachelt, kreierte man einen für die kleinbürgerliche Region revolutionär-aggressiven Sound, der den weniger hart gesottenen Anwesenden auf zahlreichen Konzerten Angst und Schrecken einjagte und Eltern um ihre pubertierenden Töchter bangen ließ.

Möglicherweise ließ spätestens der Besuch des Scorpions-Auftritts in der kreisstädtischen Jahnhalle den Entschluss reifen, selbst ein (ihren Lebensumständen entsprechend aggressiveres) Album einzuspielen, um ebenfalls die Welt zu erobern. Doch Frontmann Andreas "Iggi" Rößner hatte die Rechnung ohne seine vom Provinzmief verweichlichten Kumpane gemacht. Im Jahr 1978 fand die Band ein frühzeitiges Ende, nachdem sich die Mitglieder überworfen hatten - unter anderem, weil die Instrumentalisten sich förmlich in die Hosen schissen, wenn Iggi am Mikro zum Irrwisch wurde.

Überraschenderweise konnte der Sänger die Anderen ca. ein Jahr später aber doch dazu überreden, mit ihm ins Studio nach Delmenhorst zu gehen, um "Poisonoise" einzuspielen. Der Preis war allerdings hoch, denn er musste versprechen, sich am Riemen zu reißen und seine Vocals softer aufs Band zu bringen. Dies schmälert die Intensität des Werks leider nicht unerheblich. Zum Glück konnte Iggi von seinen Kollegen jedoch nicht völlig gezähmt werden, so dass nur das abschließende "The Lights Of Blind" erschreckende Weichspülerqualitäten aufweist. Beim Gros der Songs hingegen blitzt immer wieder die rohe Ungezügeltheit des oberkörperenthaarten Wildfangs auf, dem sich letztlich auch seine Kompagnons nicht entziehen konnten. Somit können noch heutige Generationen den Hauch von der Ahnung einer Vermutung der Intensität von Blaupausen des Schock-Rock 'n' Punk namens "They Who'll Creep At Night" oder "Doom Power" erheischen und in "Rock 'n' Roll Close To The End Of The World" die deprimierende Ausweglosigkeit damaliger Zonenrandtristesse nachvollziehen.

Schließlich hat sich die unnachahmliche Qualität der einzigen Veröffentlichung der Hersfelder bis in gegenwärtige Szenekreise herumgesprochen, was nicht nur an Listenpreisen von 250 € für das auf 500 Exemplare limitierte Originalvinyl ersichtlich wird. Aufgrund des beständig großen Interesses schaffte es endlich das als geschmackssicher bekannte US-amerikanische Label Shadow Kingdom Records nach intensiven Recherchen Andreas Rößner aufzuspüren und ihn davon zu überzeugen, die Mastertapes sowie weitere Aufnahmen aus seinem Keller hervor zu kramen, um sie für eine neuzeitliche Version des Hand Of Doomschen Schaffens zur Verfügung zu stellen.

Besonders wertvoll wird der Re-Release von "Poisonoise" nämlich erst durch das Bonusmaterial. Hier zeigt speziell Iggi auf drei im Proberaum eingespielten eigenen Songs sowie Coverversionen von Steamhammer bzw. Chuck Berry was wirklich in ihm steckte. Gerade beim auch auf dem regulären Album enthaltenen "There Ain't No Running Away" wird im Vergleich mehr als deutlich, wie intensiv The Hand Of Doom ohne Netz und doppelten Boden wirklich waren. Was umso klarer in den fünf Live-Nummern wird, die den krönenden Abschluss des Zusatzscheibchens bilden.

An jenem unschuldigen 30. Juni 1978 auf dem Parkdeck des Eschweger Woolworth "tat sich die Hölle auf", wie Mr. Rößner ohne Umschweife verkündete. Die Fassungslosigkeit des unbedarften Publikums ist förmlich zu greifen. Schließlich hatte es das noch nicht gegeben, dass ein Sänger mal eben wutzig ins Mikro grunzte; Death und Black Metal waren noch äonenweit entfernt... Die Werra-Meißner-Metropole versuchte zwar Jahre später mit einem eigens erdachten Freiluftfestival den rabenschwarzen Punkt im musikalischen Kollektivgedächtnis zu tilgen, sollte sich jedoch bis heute nicht wirklich vom damaligen Kulturschock erholen. Ganz im Gegensatz zur Hand-Of-Doom-Homebase Bad Hersfeld, wo seit jenen Tagen grenzenlose Wildheit den Alltag aller oder auch nur einiger weniger Bewohner bestimmt.

Februar 2009

Fotos: CD-Booklet

Interview (Teil 1)

Interview (Teil 2)

Original-LP:

"Doom Records" (1979), limitiert auf 500 handnummerierte Exemplare

Neuauflage DCD:

Shadow Kingdom Records (USA), SKR014DCD

Veröffentlichung: 6. Januar 2009

www.shadowkingdomrecords.com

Neuauflage DLP:

High Roller Records (D), HRR 075

limitiert auf 500 Exemplare (350x schwarzes, 150x gelbes  180g-Vinyl) Gatefold Cover, inkl. Bonus-7"

Veröffentlichung: 8. Dezember 2009

www.hho-records.de

CD 1

LP 1 (Seite A)

  • 01. There Ain't No Running Away
  • 02. They Who'll Creep At Night
  • 03. Rock 'n' Roll Close To The End Of The World
  • 04. Heavy Mad Head

LP 1 (Seite B)

  • 05. Deadman's Dream

  • 06. The Meanest Man
  • 07. Doom Power
  • 08. PoisoNoise
  • 09. The Hound
  • 10. The Lights Of Blind

CD 2

LP 2 (Seite A)

  • 01. Putrefied (Hallowed Be Thy Name)
  • 02. King Of Graves
  • 03. Johnny B. Goode (Chuck Berry / Johnnie Johnson - Cover)
  • 04. Junior's Wailing (Steamhammer-Cover)
  • 05. There Ain't No Running Away
  • xx. Heavy Mad Head (nur auf der Vinyl-Version!!!)

LP 2 (Seite B)

  • 06. Doom Power (Live)
  • 07. They Who'll Creep At Night (Live)
  • 08. Rock 'n' Roll Close To The End of The World (Live)
  • 09. The Hound (Live)
  • 10. Born To Be Wild (Live) (Steppenwolf-Cover)

Bonus-7"

  • 01. Armageddon (Live)
  • 02. We Are All Losers

Andreas Rößner: vocals

Klaus Bode: bass

Karl-Heinz Wehde: drums, percussion

Uwe Ellenberger: guitar, vocals

Ralf Rossbach: guitar (kurzzeitig, nicht auf dem Album)

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